Strombergstraße 19 – ehemalige Synagoge/ PKC

Jüdische GeschichteLokalgeschichte

Die Freudentaler Synagoge entstand 1770/71 mit herzoglicher Unterstützung auf dem Areal des „Oberen Schlosses“ südlich eines baufällig gewordenen Vorgängerbaus von 1738 und 1750. Der Baumeister ist nicht bekannt, wohl aber das architektonische Vorbild: die Hugenottenkirche von Charenton. Ihr Baustil wurde zum Modell zahlreicher klassizistischer Synagogen. Auffallend ist in Freudental der Dachstuhl, der sich offenbar an den der evangelischen Kirche anlehnt, was durchaus als baulicher Ausdruck jüdischen Selbstbewusstseins betrachtet werden kann. Das über sieben Meter höhe Walmdach ermöglichte es, den Betsaal mit einem Muldengewölbe zu versehen, das ursprünglich als Sternenhimmel ausgemalt war.
Die Synagoge wurde mehrfach renoviert. 1888 legte die Gemeinde erstmals ein Inventar an, aus dem hervorgeht, dass im Thoraschrein damals sieben Thorarollen aufbewahrt wurden. 1895 wurde eine Toilette angebaut, im Winter 1902/03 ein Heizofen installiert. 1926 erhielt das Gebäude unter Denkmalrang. 1928 wurde rechts hinter dem Eingang zum Betsaal unter Anteilnahme der bürgerlichen Gemeinde eine Gedenktafel für die Kriegstoten der jüdischen Gemeinde enthüllt. Sie wurde zum Vorbild einer Ehrentafel in der Aussegnungshalle des örtlichen Friedhofs, mit der die bürgerliche Gemeinde nach langem kommunalpolitischen Streit seit November 2015 auch an ihre zuvor vergessenen jüdschen Gefallenen des Ersten Weltkriegs erinnert.
Innenaufnahmen der Freudentaler Synagoge sind – mit Ausnahme einer nur als schlechte Fotokopie erhaltenen Abbildung der genannten Gedenktafel – nicht bekannt. Schon seit 1877 hatte Freudental keinen Rabbiner mehr, die religiöse Leitung der Gemeinde oblag dem Vorsänger und Religionslehrer. In den 1920er Jahren wurde es zunehmend schwierig, den Minjan – das für gültige Gottesdienste erforderliche Quorum von zehn religionsmündigen Männern – zusammenzubringen. Häufig sollen christliche Freudentaler mit Hut und in Gebetsriemen dazu beigetragen haben, dass die Gemeinde überhaupt noch Gottesdienste abhalten konnte.
Beim Pogrom des 10. November 1933 wurde die Freudentaler Synagoge geplündert und schwer beschädigt, aber wegen ihrer Lage mitten im Ort nicht angezündet. Die bürgerliche Gemeinde nahm das Gebäude danach als Turnhalle in Beschlag, 1943 wurde es förmlich „arisiert“ und 1955 – nach vorübergehender Restitution an die Israelitische Religionsgemeinschaft in Stuttgart – an einen Bönnigheimer Handwerker verkauft, der es als Schlosserei nutzte. Die Synagoge verfiel, im Oktober 1979 schien ihr Abbruch nach einem Beschluss des Freudentaler Gemeinderats und dessen Billigung durch den damaligen Zentralrats-Vorsitzenden Werner Nachmann nicht mehr zu verhindern. Doch gelang es einer Bürgerinitiative, die sich 1980 zum Förder- und Trägerverein ehemalige Synagoge Freudental zusammenschloss, die Synagoge zu kaufen und mit Hilfe des Landkreises zu retten. Nach aufwändiger Sanierung, bei der im Dachstuhl eine Genisa gefunden wurde, konnte das Gebäude am 17. Januar 1985 seiner neuen Bestimmung als Pädagogisch-Kulturelles Centrum Ehemalige Synagoge Freudental übergeben werden. Als Tages- und Bildungsstätte mit mit eigenem Gästehaus veranstaltet das PKC, dessen internationales Renommee der langjährige Geschäfstleiter Ludwig Bez geprägt hat, Seminare, Tagungen, Ausstellungen, Vorträge, Theater- und Konzertabende. Die Schwerpunkte liegen auf Demokratieerziehung und Erinnerungsbarbeit. Außerdem bietet das PKC, dessen Trägerschaft sich der gleichnamige Verein und der Landkreis seit 1991 teilen, Studienreisen an. 2003 wurde das Gebäude durch einen gläsernen Anbau im Synagogenhof erweitert. Teile der Genisa werden in einer kleinen Ausstellung auf der Fauenempore der Synagoge gezeigt.
www.pkc-freudental.de

© Steffen Pross